Er hat hochspezialisierte Therapien etabliert, die Verzahnung ambulanter und stationärer Versorgung vorangetrieben und Generationen von Ärztinnen und Ärzten ausgebildet. Im Gespräch blickt Prof. Dr. Köhne auf 21 Jahre Onkologie und Hämatologie am Klinikum Oldenburg.
Herr Professor Köhne, hier in Ihrem Büro hängt ein Bild mit roten Punkten in mehreren Hufeisen-Kreisen verbunden über einen Kreis in der Mitte. Was sehen Sie darin?
Prof. Köhne: Dieses Bild steht für die Tumorkonferenz. Menschen sitzen zusammen, hören einander zu, ringen um die beste Lösung. Der Kreis in der Mitte ist der/die Patient/in. Das erinnert mich täglich daran, dass Onkologie interdisziplinäre Teamarbeit ist. Wir brauchen die Radiologie, Chirurgie, Pathologie, Pflege, Psychoonkologie, Sozialdienst und viele mehre, die nach der bestmöglichen Therapie für den Patienten suchen.
Und dann haben Sie in Ihrer Klinik sehr schnell auf Spezialisierung und Interdisziplinarität gesetzt. Was hat das in der Versorgung konkret verändert?
Prof. Köhne: Als ich anfing, war Onkologie vielerorts noch „alles aus einer Hand“. Heute ist das undenkbar. Die Therapien sind so komplex, dass wir eigene Expertinnen und Experten für Leukämien, Lymphome, Myelome, gastrointestinale, uroonkologische oder gynäkologische Tumoren brauchen. Wir haben leitende Oberärztinnen und Oberärzte mit klaren Schwerpunkten aufgebaut und regelmäßige interdisziplinäre Tumorkonferenzen etabliert. So konnten wir für jeden Patienten und jede Patientin maßgeschneiderte Entscheidungen treffen.
Sie haben hier am Klinikum viele hochspezialisierte Therapien etabliert. Welche Entwicklungen liegen Ihnen besonders am Herzen?
Prof. Köhne: Wir wollten, dass Patientinnen und Patienten hier vor Ort Zugang zu modernster Therapie haben. Aber es reicht nicht, neue Verfahren nur „mitzumachen“. Entscheidend ist, sie früh, qualitätsgesichert und im Rahmen von Studien anzubieten. Dazu gehören komplexe Verfahren wie autologe und allogene Stammzelltransplantationen, wenn herkömmliche Therapien nicht ausreichen, ebenso wie neue Immuntherapien, zielgerichtete Medikamente und schließlich CAR-T-Zelltherapien, bei denen körpereigene Abwehrzellen gentechnisch so verändert werden, dass sie Krebszellen gezielt angreifen.
Für medizinische Laien klingt das schnell nach Science-Fiction, für uns ist es gelebter Alltag einer Universitätsklinik: Wir kombinieren Patientenversorgung, Forschung und Lehre, damit Innovationen direkt bei den Patientinnen und Patienten ankommen. Und genau dann erlebt man Momente, die man nie vergisst. Eine Patientin, eine Tänzerin, ist dafür ein sehr eindrückliches Beispiel.
Was hat dieser Fall mit der Tänzerin für Sie symbolisiert?
Prof. Köhne: Sie hatte ein Lungenkarzinom mit einer seltenen EGFR-Mutation. Früher hätte man sagen müssen: „Uns sind die Hände gebunden.“ Dann kam ein kleines zielgerichtetes Medikament und sie stand wieder auf der Bühne. Das war wie ein Lazarus-Effekt. Später traten neue Mutationen auf, für die es inzwischen wiederum Therapien gibt. Diese eine Patientin steht für viele. Wir erleben nicht nur Rückschläge, sondern Generationen von Medikamenten, die immer genauer werden. Das mitzuerleben war ein großes Privileg.
Gleichzeitig haben wir Patientinnen und Patienten, die wir über Jahrzehnte begleiten und mit denen wir ein „Krebs-Jubiläum“ feiern. Nicht immer können wir heilen, aber wir ermöglichen zunehmend ein langes, lebenswertes Leben mit Krebs. Das ist keine Anekdote, sondern Folge der enormen Fortschritte in der Medizin. Aber es verlangt uns auch ab, Therapien klug zu dosieren und nicht alles zu tun, nur weil wir es könnten. Gleichzeitig braucht eine chronische Erkrankung verlässliche Strukturen, denn die Menschen wollen nicht ständig neu anfangen müssen.
Verstehen Sie unter den verlässlichen Strukturen die enge Verzahnung zwischen der ambulanten und stationären Onkologie? Warum war Ihnen das so wichtig?
Prof. Köhne: Ja. Krebs macht keinen Unterschied zwischen ambulant und stationär. Wer in unserer Klinik vertraute Gesichter hat, sollte nicht ständig die Einrichtung wechseln müssen. Wir haben gemeinsam mit der Praxisstruktur Sonderbedarfszulassungen geschaffen, die ambulante Versorgung mit der Klinik verknüpft und so sichergestellt: Schwer erkrankte Menschen finden uns an einer Stelle wieder, egal, ob eine Infusion, ein Kontrolltermin oder eine stationäre Aufnahme anstehen.
Sie gelten als jemand, der Studien initiiert sowie Standards mitgeprägt hat und gleichzeitig am Patienten geblieben ist. Wie passt das zusammen?
Prof. Köhne: Ich war nie der Laborprofessor. Meine Stärke lag darin, Studien mitzugestalten, Wissen in die Versorgung zu bringen und junge Kolleginnen und Kollegen auszubilden. Über die von uns mitentwickelten internationalen Studien sind Therapien zugelassen worden, die heute selbstverständlich sind. Parallel dazu haben wir Weiterbildungsformate ausgebaut, E-Learning-Konzepte mitentwickelt und eine Generation von Onkologinnen und Onkologen begleitet. Forschung ist wichtig, aber sie muss am Bett des Patienten ankommen, sonst bleibt sie Theorie.
Was hat Sie persönlich am meisten getragen?
Prof. Köhne: Das Gespräch mit dem Menschen vor mir. Leitlinien sind wichtig – aber am Ende zählt: Passt die Therapie zum Lebensalltag, zu Wünschen, Plänen, Belastungen? Manchmal heißt Professionalität auch, eine Behandlung nicht mehr zu empfehlen. Das sind die schwersten, aber ehrlichsten Gespräche.
Wenn Sie auf Ihr Team schauen: Was macht Sie besonders stolz?
Prof. Köhne: Die Pflege, die MFA’s und das Ärzteteam. Ohne die Pflegeteams auf Station und die MFA’s in der Ambulanz wäre keine dieser komplexen Therapien verantwortbar. Und auf die Vielfalt: Viele internationale ärztliche Kolleginnen und Kollegen aus fast 20 verschiedenen Ländern weltweit haben bei uns ihren Platz gefunden, Verantwortung übernommen, sind Oberärztinnen und Oberärzte geworden. Diese Offenheit ist kein „nice to have“, sie ist Grundvoraussetzung für moderne Medizin.
Ihr Satz zum Abschied?
Prof. Köhne: Onkologie ist ein Mannschaftssport. Wenn wir den Kreis um den Menschen schließen – Medizin, Pflege, Psychoonkologie, Forschung, Angehörige – dann entsteht echte medizinische Exzellenz.
